Samstag, Januar 31, 2015


Bild: Hugo Keller
Biglen - Lützelflüh, 10.01.2015
"Die weise, törichte Schweiz hat die Energie eingelagert, die sie dazu benötigt, jeden Anspruch auf Frieden zu retten und zu bewahren. [...] Dieser Anspruch gibt der Schweiz die Weihe zu einer Art von europäischem Museum. [...] Mitten im zerstörten und an sich irre gewordenen Europa will dieses kleine Land sich selber und der Welt beweisen, dass es zum Frieden, zum wirklichen Frieden nicht nur glücklich geschlossene Verträge, internationale Anleihen, nicht nur Waren und Nachfrage braucht, sondern auch eine Art inneren Anspruch. [...] Dieser Anspruch ist die grosse Weisheit und die grosse Torheit der Schweiz und der Schweizer [...]. Ein kleines Volk, das auf die historischen Fragen von anderthalb Jahrhunderten konsequent zur Antwort gibt, dass es die Freiheit beanspruche, und das bereit ist, den Preis für diesen grossen moralischen Luxus mit allen Folgen zu entrichten: Es kann nicht bloss 'Glück haben'. [...] Der stille Heroismus der Schweizer besteht darin, dass sie anstelle der Abenteuer die Sicherheit, statt der historischen Wirren die Ordnung und statt des Masslosen und Gigantischen das Proportionale gewählt und während hundertdreissig Jahren gezeigt haben, dass sie auf ihre leise, aber unerbittliche und konsequente Art bereit sind, den Preis für diesen spiessbürgerlichen Heroismus zu bezahlen."
SÁNDOR MÁRAI, 1950. Aus dem Ungarischen von A. Oplatka. Originaltext: Márai Sándor: Beszéljünk másról? Budapest : Helikon kiadó, 2013. In: Neue Zürcher Zeitung, 03.01.2015, 45

Montag, Januar 19, 2015



Bild: Hugo Keller
Oberbalm-Zimmerwald, 26.12.2014

Sonntag, Januar 18, 2015

"Ich glaube, kein Ort kann jenen Ort ersetzen, an dem wir zum ersten Mal Worte finden für die Welt und sie mit anderen Menschen teilen und sie uns aneignen. Ich weiss, dass manche meinen, ein solcher Ort liesse sich, gleichgültig wo und wann, aufs Neue errichten, aber ich glaube das nicht. Ich glaube, dass der Ort, der uns geformt hat, uns weiterformt, auch wenn wir ihn verlassen  haben und aderswo heimisch geworden sind. Oder anders, wir können anderswo nur heimisch werden, wenn eine Verbindung mit dem Ort, den Menschen und der Sprache, die uns geformt haben, weiterbesteht."
 GÖRAN ROSENBERG: Ein kurzer Aufenthalt auf dem Weg von Auschwitz. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2014, 369-370