Sonntag, August 09, 2026

"Ich verstiess schuldlos gegen das vierte Gebot. Du sollst Vater und Mutter ehren - aber wie und warum? Als Einübung in die Unterwerfung? Ist das eine Vorbereitung auf die Autoritäten, die später unser Leben bestimmen? Und was bedeutet "ehren"? Warum nicht "verehren"? Verehren würde Liebe voraussetzen, ein Begehren sogar. Ehren ist die Anerkennung eines höheren sozialen Ranges. Man ehrt nicht den Menschen, man ehrt die Hierarchie.
[...] Neben dem Ehrgebot gibt es in der Bibel auch eine Forderung an die Eltern, an die Väter, um genau zu sein. Sie steht im Buch Epheser: "Ihr sollt eure Kinder nicht zum Zorne reizen."
Das scheint als Warnung verständlich und sinnvoll. Die Hilflosigkeit der Kinder ist vorläufig. Sie werden erwachsen. Die Macht tauscht die Seite, das Blatt wendet sich absolut und faktisch, nicht sozial, nicht konstruiert. Die Kinder werden stärker als die Eltern, und diese, gerade noch die Herrschenden, bedürfen als Alte und Greise nun der Hilfe und Fürsorge. Man zieht Löwen gross; wenn sie noch Kätzchen sind, sollte niemand vergessen, wie stark sie eines Tages sein werden. Ungerechtigkeiten werden nicht vergessen. Eltern tun gut daran, sich an diese Tatsache zu erinnern. Sie werden es sonst eines Tages bereuen."
LUKAS BÄRFUSS: Die Königin der Nacht. Hamburg : Rowohlt, 2026, 96-97
"Niemand trifft eine falsche oder schlechte Entscheidung mit Absicht, auch meine Mutter tat es nicht. Ist es auch Wahnsinn, sein Kind zu verlassen, so hat es doch Methode. Die Motive für das Verhalten der Eltern bleiben in der Regel unbekannt. Die Kräfte, die auf eine Mutter und ihr Kind einwirken, liegen grösstenteils hinter dem Informationshorizont. Von ihrer Herkunft kennen die Menschen nur die geschönte Version ihrer Eltern. Die Eltern verschweigen ihren Kindern die Traumata, das eigene Elend, die eigenen Kämpfe. Wer mag seinen Kindern die Niederlagen der eigenen Biographie zumuten? Man will sie beschützen und erzählt darum Legenden und Lügen. Wer aus Geschichte lernen will, muss sie aber zuerst kennen. Und gerade im Fall der eigenen, der Familiengeschichte, wissen wir am wenigsten. Sie steht in keinen Büchern, und als Kindern fehlt uns die Autorität, unsere Mütter und unseren Väter in den Zeugenstand zu rufen."
Ebd., 100-101 

Freitag, Juli 17, 2026

"The thing that's important to know is that you never know. You're always sort of feeling your way."
DIANE ARBUS

Dienstag, Juli 14, 2026

"Dem modernen Menschen scheint der Schwur gleichgültig zu sein. Aber, und in diesem 'aber' liegt eine Welt, Fähner war kein moderner Mensch. Sein Versprechen war ernsthaft. Es hatte ihn sein ganzes Leben gebunden, mehr noch: Er wurde zum Gefangenen. Fähner konnte sich nicht befreien, das wäre Verrat gewesen. Die Gewalteruption war das Bersten des Druckbehälters, in den er lebenslang durch seinen Eid eingesperrt war."
FERDINAND VON SCHIRACH: Fähner. In: Ders.: Verbrechen : Stories. München : btb, 2020, 17 
"Schweigen erspart einem die mitunter destruktive Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit. Das lässt sich auch bei uns beobachten. Dass wir heute kaum mehr wirklich über die Zeit der Corona-Pandemie reden, ist auch so eine Art Selbstschutz. So, wie sich eine Generation von Aktivdienstlern davor schützte, zu genau auf das Verhalten des eigenen Landes im Zweiten Weltkrieg zu schauen.
Dabei bewegt man sich in einer Grauzone. Wo ist das Vergessen konstruktiv und nötig? Wo wird die Rechenschaft für begangenes Unrecht verweigert? Schuld ignoriert? [...] der Faktor Zeit. Irgendwann kommt die Aufarbeitung, zwangsläufig.
[...] Solange die eigenen Fehler irgendwann reflektiert und aufgearbeitet werden (die grossen und die kleinen), darf zuerst auch etwas verschwiegen werden."
PHILIPP LOSER: Vergessen ist gesund (manchmal). In: Das Magazin, 2026, No. 28-32, 11. Juli 2026, 4

Montag, Juni 08, 2026

" - [Maga] Für mich ist damals noch nicht lange her. Damals, das ist weit, sehr weit weg, aber noch nicht lange her."
JULIO CORTÀZAR: Rayuela : Himmel und Hölle : Roman. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2010. (suhrkamp taschenbuch ; 4057), 76

Dienstag, Juni 02, 2026

"[...] und haben Sie Nachsicht gegen die alternden Menschen, die das Alleinsein fürchten, zu dem Sie Vertrauen haben. Vermeiden Sie, jenem Drama, das zwischen Eltern und Kindern immer ausgespannt ist, Stoff zuzuführen; es verbraucht viel Kraft der Kinder und zehrt die Liebe der Alten auf, die wirkt und wärmt, auch wenn sie nicht begreift. Verlangen Sie keinen Rat von ihnen und rechnen Sie mit keinem Verstehen; aber glauben Sie an eine Liebe, die für Sie aufbewahrt wird wie eine Erbschaft, und vertrauen Sie, dass in dieser Liebe eine Kraft ist und ein Segen, aus dem Sie nicht herausgehen müssen, um ganz weit zu gehen!"
RAINER MARIA RILKE: Briefe an einen jungen Dichter. Erste Auflage. Leipzig : Insel-Verlag, 2019. (insel taschenbuch ; 4682), 44

Samstag, April 18, 2026

"Die Leuchte deines Leibes ist Dein Auge;
ist nun Dein Auge lauter,
wird Dein ganzer Leib im Lichte sein;
ist aber Dein Auge böse,
wird Dein ganzer Leib im Finstern sein."
MATTHÄUS 6.2
(Vorspann von "In weiter Ferne, so nah!" von Wim Wenders)

Donnerstag, April 16, 2026

"Bruno, dieser Typ und alle anderen Typen in Camarillo waren überzeugt. Wovon, willst du wissen? Ich weiss es nicht, ich schwöre dir, aber sie waren überzeugt. Von dem, was sie waren, nehme ich an, von dem, was sie wert waren, von ihrem Diplom. Nein, das stimmt nicht ganz. Es gab einige, die waren bescheiden und hielten sich nicht für unfehlbar. Doch selbst der Bescheidenste fühlte sich sicher. Das war es, was mir auf die Nerven ging, Bruno, dass sie sich sicher fühlten. Sicher welcher Sache, möchte ich mal wissen, wo ich, ein armer Teufel mit mehr Seuchen unter der Haut als der Leibhaftige selbst, hinreichend beieinander war, um zu spüren, dass alles eine Art Gallert war, dass alles um uns herum zitterte, man brauchte nur ein wenig aufmerksam zu sein, ein wenig in sich hineinzuhören, ein wenig zu schweigen, um die Löcher zu entdecken. In der Tür, im Bett: Löcher. In der Hand, in der Zeitung, in der Zeit, in der Luft: alles voller Löcher, alles wie ein Schwamm, wie ein Sieb, das sich selbst siebt ... Doch sie waren die amerikanische Wissenschaft, verstehst du, Bruno? Der weisse Kittel schützte sie vor den Löchern; sie sahen nichts, sie sahen nur, was andere schon gesehen hatten, und sie bildeten sich ein, sie sähen. Natürlich konnten sie da die Löcher nicht sehen, und sie waren sehr selbstsicher, ganz überzeugt von ihren Rezepten, ihren Spritzen, ihrer verdammten Psychoanalyse, ihrem Rauchen Sie nicht und ihrem Trinken Sie nicht ... Ah, der Tag, als ich endlich gehen konnte, in den Zug steigen, durch das Abteilfenster sehen, wie alles rückwärts lief, in Stücke brach, ich weiss nicht, ob du gesehen hast, wie die Landschaft zerbricht, wenn du siehst, wie sie sich entfernt ..."
JULIO CORTAZAR: Der Verfolger. In: [Ders.]: Die geheimen Waffen : Erzählungen. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1981. (suhrkamp taschenbuch ; 672), 149