Sonntag, August 16, 2026

 "Allmählich hörte er auf zu ächzen, als hätte er sich gleichsam beruhigt. Er drehte sich auf den Rücken. Der Schnee vor dem Fenster machte das Zimmer hell. Es war still und weiss, ich verabschiedete meinen Vater und sah zu, dass ich ihn zumindest bis zur Tür begleitete, bis dorthin, wo die Lebenden zugelassen werden. Ich lag neben seinem ausgemergelten Körper, hielt seine Hand, wiederholte etwas wie ganz ruhig, Papa, gleich wird es dir ein bisschen besser gehen, gleich, gleich, ich bin hier, ich bin bei dir, halb so wild ..."
GOSPODINOV, GEORGI: Der Gärtner und der Tod : Roman. Berlin : aufbau, 2025, 96 

Sonntag, August 09, 2026

"Ich verstiess schuldlos gegen das vierte Gebot. Du sollst Vater und Mutter ehren - aber wie und warum? Als Einübung in die Unterwerfung? Ist das eine Vorbereitung auf die Autoritäten, die später unser Leben bestimmen? Und was bedeutet "ehren"? Warum nicht "verehren"? Verehren würde Liebe voraussetzen, ein Begehren sogar. Ehren ist die Anerkennung eines höheren sozialen Ranges. Man ehrt nicht den Menschen, man ehrt die Hierarchie.
[...] Neben dem Ehrgebot gibt es in der Bibel auch eine Forderung an die Eltern, an die Väter, um genau zu sein. Sie steht im Buch Epheser: "Ihr sollt eure Kinder nicht zum Zorne reizen."
Das scheint als Warnung verständlich und sinnvoll. Die Hilflosigkeit der Kinder ist vorläufig. Sie werden erwachsen. Die Macht tauscht die Seite, das Blatt wendet sich absolut und faktisch, nicht sozial, nicht konstruiert. Die Kinder werden stärker als die Eltern, und diese, gerade noch die Herrschenden, bedürfen als Alte und Greise nun der Hilfe und Fürsorge. Man zieht Löwen gross; wenn sie noch Kätzchen sind, sollte niemand vergessen, wie stark sie eines Tages sein werden. Ungerechtigkeiten werden nicht vergessen. Eltern tun gut daran, sich an diese Tatsache zu erinnern. Sie werden es sonst eines Tages bereuen."
LUKAS BÄRFUSS: Die Königin der Nacht. Hamburg : Rowohlt, 2026, 96-97
"Niemand trifft eine falsche oder schlechte Entscheidung mit Absicht, auch meine Mutter tat es nicht. Ist es auch Wahnsinn, sein Kind zu verlassen, so hat es doch Methode. Die Motive für das Verhalten der Eltern bleiben in der Regel unbekannt. Die Kräfte, die auf eine Mutter und ihr Kind einwirken, liegen grösstenteils hinter dem Informationshorizont. Von ihrer Herkunft kennen die Menschen nur die geschönte Version ihrer Eltern. Die Eltern verschweigen ihren Kindern die Traumata, das eigene Elend, die eigenen Kämpfe. Wer mag seinen Kindern die Niederlagen der eigenen Biographie zumuten? Man will sie beschützen und erzählt darum Legenden und Lügen. Wer aus Geschichte lernen will, muss sie aber zuerst kennen. Und gerade im Fall der eigenen, der Familiengeschichte, wissen wir am wenigsten. Sie steht in keinen Büchern, und als Kindern fehlt uns die Autorität, unsere Mütter und unseren Väter in den Zeugenstand zu rufen."
Ebd., 100-101 

Freitag, Juli 17, 2026

"The thing that's important to know is that you never know. You're always sort of feeling your way."
DIANE ARBUS

Dienstag, Juli 14, 2026

"Dem modernen Menschen scheint der Schwur gleichgültig zu sein. Aber, und in diesem 'aber' liegt eine Welt, Fähner war kein moderner Mensch. Sein Versprechen war ernsthaft. Es hatte ihn sein ganzes Leben gebunden, mehr noch: Er wurde zum Gefangenen. Fähner konnte sich nicht befreien, das wäre Verrat gewesen. Die Gewalteruption war das Bersten des Druckbehälters, in den er lebenslang durch seinen Eid eingesperrt war."
FERDINAND VON SCHIRACH: Fähner. In: Ders.: Verbrechen : Stories. München : btb, 2020, 17 
"Schweigen erspart einem die mitunter destruktive Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit. Das lässt sich auch bei uns beobachten. Dass wir heute kaum mehr wirklich über die Zeit der Corona-Pandemie reden, ist auch so eine Art Selbstschutz. So, wie sich eine Generation von Aktivdienstlern davor schützte, zu genau auf das Verhalten des eigenen Landes im Zweiten Weltkrieg zu schauen.
Dabei bewegt man sich in einer Grauzone. Wo ist das Vergessen konstruktiv und nötig? Wo wird die Rechenschaft für begangenes Unrecht verweigert? Schuld ignoriert? [...] der Faktor Zeit. Irgendwann kommt die Aufarbeitung, zwangsläufig.
[...] Solange die eigenen Fehler irgendwann reflektiert und aufgearbeitet werden (die grossen und die kleinen), darf zuerst auch etwas verschwiegen werden."
PHILIPP LOSER: Vergessen ist gesund (manchmal). In: Das Magazin, 2026, No. 28-32, 11. Juli 2026, 4

Montag, Juni 08, 2026

" - [Maga] Für mich ist damals noch nicht lange her. Damals, das ist weit, sehr weit weg, aber noch nicht lange her."
JULIO CORTÀZAR: Rayuela : Himmel und Hölle : Roman. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2010. (suhrkamp taschenbuch ; 4057), 76

Dienstag, Juni 02, 2026

"[...] und haben Sie Nachsicht gegen die alternden Menschen, die das Alleinsein fürchten, zu dem Sie Vertrauen haben. Vermeiden Sie, jenem Drama, das zwischen Eltern und Kindern immer ausgespannt ist, Stoff zuzuführen; es verbraucht viel Kraft der Kinder und zehrt die Liebe der Alten auf, die wirkt und wärmt, auch wenn sie nicht begreift. Verlangen Sie keinen Rat von ihnen und rechnen Sie mit keinem Verstehen; aber glauben Sie an eine Liebe, die für Sie aufbewahrt wird wie eine Erbschaft, und vertrauen Sie, dass in dieser Liebe eine Kraft ist und ein Segen, aus dem Sie nicht herausgehen müssen, um ganz weit zu gehen!"
RAINER MARIA RILKE: Briefe an einen jungen Dichter. Erste Auflage. Leipzig : Insel-Verlag, 2019. (insel taschenbuch ; 4682), 44

Samstag, April 18, 2026

"Die Leuchte deines Leibes ist Dein Auge;
ist nun Dein Auge lauter,
wird Dein ganzer Leib im Lichte sein;
ist aber Dein Auge böse,
wird Dein ganzer Leib im Finstern sein."
MATTHÄUS 6.2
(Vorspann von "In weiter Ferne, so nah!" von Wim Wenders)