Freitag, Oktober 30, 2026

"Nochmal das Telefon. Die Stimme der älteren Tochter hat müde geklungen, ich habe sie trotzdem mit der Frage überfallen: Was hältst du eigentlich für unseren blinden Fleck? - Ach Mutter! - Ich habe sie gefragt, ob in ihrer Antwort das Wort 'Lebenslüge' vorkommen würde. - Nicht unbedingt, sagte sie, sie würde von dem Bereich unserer Seele, unserer Wahrnehmung sprechen, der für uns dunkel bleibe, weil es zu schmerzhaft wäre, ihn anzusehen. - Ich habe gesagt, eine Art Selbstschutz also, und sie hat diesen Verdacht bestätigt, ein erworbener Schutz vor den eigenen Einsichten über uns selbst und vor den Angriffen von aussen. - Ob man trotzdem versuchen solle, in unseren blinden Fleck einzudringen, ihrer Meinung nach. - In deinem Beruf? hat sie gesagt. Unbedingt. Aber alleine schafft man das nicht. - Ich habe, während ich weiter mit ihr gesprochen habe, zugleich meine Unbedingtheiten, als ich so alt war wie sie, mit ihren Unbedingtheiten verglichen und habe überlegt, ob sie mir einen früheren Hang zu Unbedingtheit überhaupt noch würde glauben können oder wollen, während ich sie gefragt habe, wo sie die Grenze sehen würde für das Experiment, unsere Grenzschutzsicherungen abzubauen, und sie hat gesagt, was ich erwartet hatte: Es gebe da keine Grenze, kein Halt, wenn man einmal ernsthaft damit begonnen habe. - Depressionen? habe ich gesagt. Selbstmordgefahr? - Würden sich dann auch nur als Abwehrformen entpuppen, quälend zwar, aber immer noch leichter erträglich als die konkrete Wahrnehmung des wirklichen eigenen Ungenügens. Wenn man sie aber einmal zugelassen habe, weiche der depressive Druck, und es wachse der Mut zu handeln - ein zwar schmerzhafter, doch auch lustvoll-spannender Prozess. - O Tochter, habe ich gesagt, dein Wort in Gottes Gehörgang. - Siehst du, hat meine ältere Tochter gesagt, nun wehrst du wieder ab, und, so stark mir bewusst gewesen ist, dass ein Ersuchen um Schonung nichts anderes als Abwehr ist, so sehr habe ich ihre Behauptung bestreiten müssen und, so schnell es ging, ihr Augenmerk auf die Abwehrmechanismen ganzer Kulturen gelenkt. Dafür sei sie nicht zuständig, hat sie gesagt, aber warum solle es nicht eine Chance für eine ganze Kultur sein, wenn es möglichst viele ihrer Mitglieder wagen können, der eigenen Wahrheit ohne Angst ins Gesicht zu sehen? Was ja hiesse, die Bedrohung nicht dem äusseren Feind aufzubürden, sondern sie da zu lassen, wo sie hingehöre, im eigenen Innern. - Ob dies nicht die allerutopischste von allen Utopien ist, habe ich mich, nicht sie, gefragt."
CHRISTA WOLF: Störfall : Nachrichten eines Tages. Darmstadt und Neuwied : Luchterhand, 1987. (Sammlung Luchterhand ; 777), 102-104

Dienstag, Oktober 20, 2026


"Gestatte eine Frage, Seherin - (Der Wagenlenker.) - Frag. - Du glaubst nicht dran. - Woran. - Dass wir zu siegen aufhörn können. - Ich weiss von keinem Sieger, der es konnte. - So ist, wenn Sieg auf Sieg am Ende Untergang bedeutet, der Untergang in unsere Natur gelegt.
Die Frage aller Fragen. Was für ein kluger Mann.
Komm näher, Wagenlenker. Hör zu. Ich glaube, dass wir unsere Natur nicht kennen. Dass ich nicht alles weiss. So mag es, in der Zukunft, Menschen geben, die ihren Sieg in Leben umzuwandeln wissen."
CHRISTA WOLF: Kassandra. Berlin : Suhrkamp, 2008. (suhrkamp taschenbuch ; 4052), 151-152
"Alles, was man erleben muss, habe ich erlebt.
[...] Einmal will ich dieses Licht noch sehen. [...] Das Licht der Stunde, eh die Sonne untergeht. Wenn jeder Gegenstand aus sich heraus zu leuchten anfängt und die Farbe, die ihm eigen ist, hervorbringt. Aeneas sagte: Um sich vor der Nacht noch einmal zu behaupten. Ich sagte: Um den Rest von Licht und Wärme zu verströmen und dann die Dunkelheit und Kälte in sich aufzunehmen. Wir mussten lachen, als wir merkten, dass wir im Gleichnis sprachen. So lebten wir, in der Stunde vor der Dunkelheit."
Ebd., 173 

Freitag, Oktober 16, 2026

"[...] Erinnerung verbraucht sich.
Zuletzt ist es, als wäre nichts geschehen.
Niemand hat ihm was angetan, und nur an sich
geschah es, wuchs es und zerfloss es mit der Zeit."

ROBERT WALSER: Man wird von einer Hand. In: Ders.: Mikrogramme. Berlin : Suhrkamp Verlag, 2011. (Bibliothek Suhrkamp ; 1467), 18

Sonntag, Oktober 04, 2026

"Wie viel muss ich selbst, da ich mich nicht als von meiner 'Glaziologie in Bildern' abgekoppelter aufgeklärter Urheber verstehe, über die Eigenschaften der Kyrosphäre und ihre Reaktionen auf die Erderwärmung wissen, um entgrenzende, nicht begrenzende Fotografien herzustellen? Welche künstlerische Haltung, wenn nicht Demut, sorgt vor, dass ich mich nicht über den Gegenstand erhebe, sondern bei ihm bleibe?"
DANIEL SCHWARTZ: Unterwegs zu den Gletschern der Welt. Berlin : Galiani, 2026, 244
"Weil aber auch mein eigenes Feld, die Fotografie als Industrie und ihre Kunst als Markt, in herrschende Machtverhältnisse gebettet ist, mein Vorsatz, der Natur nicht als Objekt, sondern als Subjekt und verletzlicher Grösse zu begegnen.
Zuweilen sehe ich dabei im eigentlich Schlimmen auch unerwartet Schönes. Vielleicht geht es mir dabei wie den Blättern des Baumes, die nicht wissen, ob sie den Wind bloss wahrnehmen oder ihm antworten."
Ebd., 248
"Thukydides sagt, 'dass im menschlichen Verhältnis Recht bei Gleichheit der Kräfte [gilt], doch das Mögliche der Überlegene durchsetzt, der Schwache hinnimmt'.
Dieser Schwache erleidet, was er muss im Krieg - in dem des Attischen Seebundes gegen das neutrale Milos 416 v. u. Z. und heute am Rand der Nato in der Ukraine; im Sudan, in Myanmar und an jedem von ihm heimgesuchten Ort, wo die Gleichheit der Kräfte ein unbekannter Zustand ist oder bestenfalls eine Erinnerung."
Ebd., 259
"Meine Fotografie hingegen löst den Gletscher aus dem Berg wie das Skalpell einen Fetzen verbrannte Haut vom Körper eines Kriegsversehrten. Die fotografische Aufnahme ist, was sie immer ist - eine Aufzeichnung von Verlust."
Ebd., 261

Freitag, Oktober 02, 2026

"Den Gedanken könnte man mit einer hängenden Wolke vergleichen, die sich durch einen Regen von Wörtern entleert. Hinter den Wolken der Gedanken wiederum stehen auf einer noch tieferen Ebene Gefühle und Wünsche, dem Winde gleich, der die Wolken treibt."
LEW WYGOTSKI. In: Dieter E. Zimmer: So kommt der Mensch zur Sprache. Zürich : Haffmanns, 1986, 60

Mittwoch, August 19, 2026

"Ich stellte mir übrigens eine Zeitlang sämtliche zweiundzwanzig Kantone unseres Landes vor, im Geist eine Ferienreise absolvierend, was mir eine schnelle und billige Art zu sein schien, vergnügt im Vaterland herumzureisen. Ich verlor hiebei bloß etwa fünf Minuten und erlebte keine einzige Wander oder Reiseunannehmlichkeit, übernachtete nirgends und schwebte doch an Städten und Gegenden voll Reiz vorbei, wie z.B. am Bodensee und über die Graubündnerberge."
ROBERT WALSER: Aus dem Bleistiftgebiet, Bd. 5, 32

Sonntag, August 16, 2026

 "Allmählich hörte er auf zu ächzen, als hätte er sich gleichsam beruhigt. Er drehte sich auf den Rücken. Der Schnee vor dem Fenster machte das Zimmer hell. Es war still und weiss, ich verabschiedete meinen Vater und sah zu, dass ich ihn zumindest bis zur Tür begleitete, bis dorthin, wo die Lebenden zugelassen werden. Ich lag neben seinem ausgemergelten Körper, hielt seine Hand, wiederholte etwas wie ganz ruhig, Papa, gleich wird es dir ein bisschen besser gehen, gleich, gleich, ich bin hier, ich bin bei dir, halb so wild ..."
GOSPODINOV, GEORGI: Der Gärtner und der Tod : Roman. Berlin : aufbau, 2025, 96