Sonntag, Oktober 04, 2026


"Wie viel muss ich selbst, da ich mich nicht als von meiner 'Glaziologie in Bildern' abgekoppelter aufgeklärter Urheber verstehe, über die Eigenschaften der Kyrosphäre und ihre Reaktionen auf die Erderwärmung wissen, um entgrenzende, nicht begrenzende Fotografien herzustellen? Welche künstlerische Haltung, wenn nicht Demut, sorgt vor, dass ich mich nicht über den Gegenstand erhebe, sondern bei ihm bleibe?"
DANIEL SCHWARTZ: Unterwegs zu den Gletschern der Welt. Berlin : Galiani, 2026, 244
"Weil aber auch mein eigenes Feld, die Fotografie als Industrie und ihre Kunst als Markt, in herrschende Machtverhältnisse gebettet ist, mein Vorsatz, der Natur nicht als Objekt, sondern als Subjekt und verletzlicher Grösse zu begegnen.
Zuweilen sehe ich dabei im eigentlich Schlimmen auch unerwartet Schönes. Vielleicht geht es mir dabei wie den Blättern des Baumes, die nicht wissen, ob sie den Wind bloss wahrnehmen oder ihm antworten."
Ebd., 248
"Thukydides sagt, 'dass im menschlichen Verhältnis Recht bei Gleichheit der Kräfte [gilt], doch das Mögliche der Überlegene durchsetzt, der Schwache hinnimmt'.
Dieser Schwache erleidet, was er muss im Krieg - in dem des Attischen Seebundes gegen das neutrale Milos 416 v. u. Z. und heute am Rand der Nato in der Ukraine; im Sudan, in Myanmar und an jedem von ihm heimgesuchten Ort, wo die Gleichheit der Kräfte ein unbekannter Zustand ist oder bestenfalls eine Erinnerung."
Ebd., 259
"Meine Fotografie hingegen löst den Gletscher aus dem Berg wie das Skalpell einen Fetzen verbrannte Haut vom Körper eines Kriegsversehrten. Die fotografische Aufnahme ist, was sie immer ist - eine Aufzeichnung von Verlust."
Ebd., 261

Freitag, Oktober 02, 2026

"Den Gedanken könnte man mit einer hängenden Wolke vergleichen, die sich durch einen Regen von Wörtern entleert. Hinter den Wolken der Gedanken wiederum stehen auf einer noch tieferen Ebene Gefühle und Wünsche, dem Winde gleich, der die Wolken treibt."
LEW WYGOTSKI. In: Dieter E. Zimmer: So kommt der Mensch zur Sprache. Zürich : Haffmanns, 1986, 60

Mittwoch, August 19, 2026

"Ich stellte mir übrigens eine Zeitlang sämtliche zweiundzwanzig Kantone unseres Landes vor, im Geist eine Ferienreise absolvierend, was mir eine schnelle und billige Art zu sein schien, vergnügt im Vaterland herumzureisen. Ich verlor hiebei bloß etwa fünf Minuten und erlebte keine einzige Wander oder Reiseunannehmlichkeit, übernachtete nirgends und schwebte doch an Städten und Gegenden voll Reiz vorbei, wie z.B. am Bodensee und über die Graubündnerberge."
ROBERT WALSER: Aus dem Bleistiftgebiet, Bd. 5, 32

Sonntag, August 16, 2026

 "Allmählich hörte er auf zu ächzen, als hätte er sich gleichsam beruhigt. Er drehte sich auf den Rücken. Der Schnee vor dem Fenster machte das Zimmer hell. Es war still und weiss, ich verabschiedete meinen Vater und sah zu, dass ich ihn zumindest bis zur Tür begleitete, bis dorthin, wo die Lebenden zugelassen werden. Ich lag neben seinem ausgemergelten Körper, hielt seine Hand, wiederholte etwas wie ganz ruhig, Papa, gleich wird es dir ein bisschen besser gehen, gleich, gleich, ich bin hier, ich bin bei dir, halb so wild ..."
GOSPODINOV, GEORGI: Der Gärtner und der Tod : Roman. Berlin : aufbau, 2025, 96 

Sonntag, August 09, 2026

"Ich verstiess schuldlos gegen das vierte Gebot. Du sollst Vater und Mutter ehren - aber wie und warum? Als Einübung in die Unterwerfung? Ist das eine Vorbereitung auf die Autoritäten, die später unser Leben bestimmen? Und was bedeutet "ehren"? Warum nicht "verehren"? Verehren würde Liebe voraussetzen, ein Begehren sogar. Ehren ist die Anerkennung eines höheren sozialen Ranges. Man ehrt nicht den Menschen, man ehrt die Hierarchie.
[...] Neben dem Ehrgebot gibt es in der Bibel auch eine Forderung an die Eltern, an die Väter, um genau zu sein. Sie steht im Buch Epheser: "Ihr sollt eure Kinder nicht zum Zorne reizen."
Das scheint als Warnung verständlich und sinnvoll. Die Hilflosigkeit der Kinder ist vorläufig. Sie werden erwachsen. Die Macht tauscht die Seite, das Blatt wendet sich absolut und faktisch, nicht sozial, nicht konstruiert. Die Kinder werden stärker als die Eltern, und diese, gerade noch die Herrschenden, bedürfen als Alte und Greise nun der Hilfe und Fürsorge. Man zieht Löwen gross; wenn sie noch Kätzchen sind, sollte niemand vergessen, wie stark sie eines Tages sein werden. Ungerechtigkeiten werden nicht vergessen. Eltern tun gut daran, sich an diese Tatsache zu erinnern. Sie werden es sonst eines Tages bereuen."
LUKAS BÄRFUSS: Die Königin der Nacht. Hamburg : Rowohlt, 2026, 96-97
"Niemand trifft eine falsche oder schlechte Entscheidung mit Absicht, auch meine Mutter tat es nicht. Ist es auch Wahnsinn, sein Kind zu verlassen, so hat es doch Methode. Die Motive für das Verhalten der Eltern bleiben in der Regel unbekannt. Die Kräfte, die auf eine Mutter und ihr Kind einwirken, liegen grösstenteils hinter dem Informationshorizont. Von ihrer Herkunft kennen die Menschen nur die geschönte Version ihrer Eltern. Die Eltern verschweigen ihren Kindern die Traumata, das eigene Elend, die eigenen Kämpfe. Wer mag seinen Kindern die Niederlagen der eigenen Biographie zumuten? Man will sie beschützen und erzählt darum Legenden und Lügen. Wer aus Geschichte lernen will, muss sie aber zuerst kennen. Und gerade im Fall der eigenen, der Familiengeschichte, wissen wir am wenigsten. Sie steht in keinen Büchern, und als Kindern fehlt uns die Autorität, unsere Mütter und unseren Väter in den Zeugenstand zu rufen."
Ebd., 100-101 

Freitag, Juli 17, 2026

"The thing that's important to know is that you never know. You're always sort of feeling your way."
DIANE ARBUS

Dienstag, Juli 14, 2026

"Dem modernen Menschen scheint der Schwur gleichgültig zu sein. Aber, und in diesem 'aber' liegt eine Welt, Fähner war kein moderner Mensch. Sein Versprechen war ernsthaft. Es hatte ihn sein ganzes Leben gebunden, mehr noch: Er wurde zum Gefangenen. Fähner konnte sich nicht befreien, das wäre Verrat gewesen. Die Gewalteruption war das Bersten des Druckbehälters, in den er lebenslang durch seinen Eid eingesperrt war."
FERDINAND VON SCHIRACH: Fähner. In: Ders.: Verbrechen : Stories. München : btb, 2020, 17 
"Schweigen erspart einem die mitunter destruktive Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit. Das lässt sich auch bei uns beobachten. Dass wir heute kaum mehr wirklich über die Zeit der Corona-Pandemie reden, ist auch so eine Art Selbstschutz. So, wie sich eine Generation von Aktivdienstlern davor schützte, zu genau auf das Verhalten des eigenen Landes im Zweiten Weltkrieg zu schauen.
Dabei bewegt man sich in einer Grauzone. Wo ist das Vergessen konstruktiv und nötig? Wo wird die Rechenschaft für begangenes Unrecht verweigert? Schuld ignoriert? [...] der Faktor Zeit. Irgendwann kommt die Aufarbeitung, zwangsläufig.
[...] Solange die eigenen Fehler irgendwann reflektiert und aufgearbeitet werden (die grossen und die kleinen), darf zuerst auch etwas verschwiegen werden."
PHILIPP LOSER: Vergessen ist gesund (manchmal). In: Das Magazin, 2026, No. 28-32, 11. Juli 2026, 4