"Ich verstiess schuldlos gegen das vierte Gebot. Du sollst Vater und Mutter ehren - aber wie und warum? Als Einübung in die Unterwerfung? Ist das eine Vorbereitung auf die Autoritäten, die später unser Leben bestimmen? Und was bedeutet "ehren"? Warum nicht "verehren"? Verehren würde Liebe voraussetzen, ein Begehren sogar. Ehren ist die Anerkennung eines höheren sozialen Ranges. Man ehrt nicht den Menschen, man ehrt die Hierarchie.
[...] Neben dem Ehrgebot gibt es in der Bibel auch eine Forderung an die Eltern, an die Väter, um genau zu sein. Sie steht im Buch Epheser: "Ihr sollt eure Kinder nicht zum Zorne reizen."
Das scheint als Warnung verständlich und sinnvoll. Die Hilflosigkeit der Kinder ist vorläufig. Sie werden erwachsen. Die Macht tauscht die Seite, das Blatt wendet sich absolut und faktisch, nicht sozial, nicht konstruiert. Die Kinder werden stärker als die Eltern, und diese, gerade noch die Herrschenden, bedürfen als Alte und Greise nun der Hilfe und Fürsorge. Man zieht Löwen gross; wenn sie noch Kätzchen sind, sollte niemand vergessen, wie stark sie eines Tages sein werden. Ungerechtigkeiten werden nicht vergessen. Eltern tun gut daran, sich an diese Tatsache zu erinnern. Sie werden es sonst eines Tages bereuen."
LUKAS BÄRFUSS: Die Königin der Nacht. Hamburg : Rowohlt, 2026, 96-97
"Niemand trifft eine falsche oder schlechte Entscheidung mit Absicht, auch meine Mutter tat es nicht. Ist es auch Wahnsinn, sein Kind zu verlassen, so hat es doch Methode. Die Motive für das Verhalten der Eltern bleiben in der Regel unbekannt. Die Kräfte, die auf eine Mutter und ihr Kind einwirken, liegen grösstenteils hinter dem Informationshorizont. Von ihrer Herkunft kennen die Menschen nur die geschönte Version ihrer Eltern. Die Eltern verschweigen ihren Kindern die Traumata, das eigene Elend, die eigenen Kämpfe. Wer mag seinen Kindern die Niederlagen der eigenen Biographie zumuten? Man will sie beschützen und erzählt darum Legenden und Lügen. Wer aus Geschichte lernen will, muss sie aber zuerst kennen. Und gerade im Fall der eigenen, der Familiengeschichte, wissen wir am wenigsten. Sie steht in keinen Büchern, und als Kindern fehlt uns die Autorität, unsere Mütter und unseren Väter in den Zeugenstand zu rufen."
Ebd., 100-101
