Samstag, April 18, 2026

"Die Leuchte deines Leibes ist Dein Auge;
ist nun Dein Auge lauter,
wird Dein ganzer Leib im Lichte sein;
ist aber Dein Auge böse,
wird Dein ganzer Leib im Finstern sein."
MATTHÄUS 6.2
(Vorspann von "In weiter Ferne, so nah!" von Wim Wenders)

Donnerstag, April 16, 2026

"Bruno, dieser Typ und alle anderen Typen in Camarillo waren überzeugt. Wovon, willst du wissen? Ich weiss es nicht, ich schwöre dir, aber sie waren überzeugt. Von dem, was sie waren, nehme ich an, von dem, was sie wert waren, von ihrem Diplom. Nein, das stimmt nicht ganz. Es gab einige, die waren bescheiden und hielten sich nicht für unfehlbar. Doch selbst der Bescheidenste fühlte sich sicher. Das war es, was mir auf die Nerven ging, Bruno, dass sie sich sicher fühlten. Sicher welcher Sache, möchte ich mal wissen, wo ich, ein armer Teufel mit mehr Seuchen unter der Haut als der Leibhaftige selbst, hinreichend beieinander war, um zu spüren, dass alles eine Art Gallert war, dass alles um uns herum zitterte, man brauchte nur ein wenig aufmerksam zu sein, ein wenig in sich hineinzuhören, ein wenig zu schweigen, um die Löcher zu entdecken. In der Tür, im Bett: Löcher. In der Hand, in der Zeitung, in der Zeit, in der Luft: alles voller Löcher, alles wie ein Schwamm, wie ein Sieb, das sich selbst siebt ... Doch sie waren die amerikanische Wissenschaft, verstehst du, Bruno? Der weisse Kittel schützte sie vor den Löchern; sie sahen nichts, sie sahen nur, was andere schon gesehen hatten, und sie bildeten sich ein, sie sähen. Natürlich konnten sie da die Löcher nicht sehen, und sie waren sehr selbstsicher, ganz überzeugt von ihren Rezepten, ihren Spritzen, ihrer verdammten Psychoanalyse, ihrem Rauchen Sie nicht und ihrem Trinken Sie nicht ... Ah, der Tag, als ich endlich gehen konnte, in den Zug steigen, durch das Abteilfenster sehen, wie alles rückwärts lief, in Stücke brach, ich weiss nicht, ob du gesehen hast, wie die Landschaft zerbricht, wenn du siehst, wie sie sich entfernt ..."
JULIO CORTAZAR: Der Verfolger. In: [Ders.]: Die geheimen Waffen : Erzählungen. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1981. (suhrkamp taschenbuch ; 672), 149 

Samstag, April 04, 2026

"Man hat bei Eintreten eines Leidens nur die Wahl zwischen einem Verlieren und einem Gewinnen; es ist ganz unmöglich, dass die Besitzlage die frühere bleibe."
LUDWIG HOHL: Notizen II (168). Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1984. (suhrkamp taschenbuch ; 1000), 120

Samstag, Januar 31, 2026

"[...] Der wahre Wert eines Hochschulabschlusses hängt vom sozialen Kapital ab, auf das man zurückgreifen kann, und von dem strategischen Wissen darüber, wie man einen solchen Abschluss auf dem Arbeitsmarkt einsetzt. In solchen Situationen kommt es auf die Hilfe der Familie an, auf Beziehungen, auf ein Netzwerk von Bekannten usw. Ohne solche Zutaten kann man den Wert eines Abschlusses gar nicht ausschöpfen. Soziales Kapital hatte ich allerdings kaum vorzuweisen. Genauer gesagt: Ich hatte gar keines. Über strategisches Wissen verfügte ich auch nicht. Mein Diplom war also nichts wert, oder jedenfalls sehr wenig."
DIDIER ERIBON: Rückkehr nach Reims. Berlin : Suhrkamp, 2016. (edition suhrkamp), 187

Sonntag, Dezember 14, 2025

"Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz von Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie. Wir sind alle darauf angewiesen zu sagen: Herr vergib ihnen, was sie tun, denn sie wissen nicht, was sie tun. Das gilt für alles Handeln."
HANNAH ARENDT im Gespräch mit Günter Gaus, 1964

Montag, September 22, 2025

"Doch die Wörter waren hergezwungen, was sie sagten, war leer, und sie gaben nichts von dem eindringlilchen Geschehen wieder, das er erlebt hatte. Er schob das Heft zur Seite. Er hatte nur noch ein Bedürfnis: hinauszugehen in eine ganz gewöhnliche Welt. Keine aus Strahlen und keine aus Text. Nur einfach Strasse, Fussgänger, Autos, Bäume am Rand des Parks. Alles gewohnt und wie es für andere Menschen auch war, Alltagswelt. Heute war sie grau und regnerisch, kühl, windig, roch nach Meer."
CHRISTIAN HALLER: Sich lichtende Nebel : Novelle. München : Luchterhand, 2023, 9
"Obwohl das Leben seinen gewohnten Gang nahm, blieb unter den Schichten des Alltags die Gewissheit bestehen, in einem äusserst eingeschränkten Wahrnehmungsraum zu leben. An einem späten Vormittag, als Helstedt neben der Treppe zum Hinterhof sass und einen Kaffee gegen die mittägliche Müdigkeit trank, auf das Stück Rasen, das Gerätehaus im Schatten der Linde sah, kam ihm der Gedanke, wenn er während seiner Erlebnisse für einen Moment aus dem gewohnten Sehraum hinaus gesehen habe, so könnte er doch in Gedanken versuchen, von aussen, durch eine Lücke, in den gewohnten, vereinfachenden Wahrnehmungsraum hineinzusehen. Es brauchte etwas Anstrengung, diese Umkehr der Blickrichtung vorzunehmen. Doch er wollte es versuchen, konzentrierte sich, imaginierte sich in eine Leere, aus der heraus er jetzt in den Hinterhof blickte: Was er dabei sah, war das Stück Rasen zwischen den Blumenbeeten, die Äste und Lindenblätter, in denen Licht und Schatten wechselten, die gegenüberliegende Hauswand, leuchtend im Nachmittagslicht. Selbst das Fahrrad, das an der Wand des Geräteschuppens schon seit Tagen lehnte, war von grossartiger Selbstverständlichkeit."
Ebd., 122-123 

Sonntag, September 14, 2025

"Meinen Sie Zürich zum Beispiel
sei eine tiefere Stadt,
wo man Wunder und Weihen
immer als Inhalt hat?

Meinen Sie, aus Habana,
weiß und hibiskusrot,
bräche ein ewiges Manna
für Ihre Wüstennot?

Bahnhofstraßen und Ruen,
Boulevards, Lidos, Laan –
selbst auf den Fifth Avenuen
fällt Sie die Leere an –

Ach, vergeblich das Fahren!
Spät erst erfahren Sie sich:
bleiben und stille bewahren
das sich umgrenzende Ich."
Gottfried Benn: Reisen (1950)
"Durch so viel Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewusst,
es gibt nur eines: ertrage
- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage -
dein fernbestimmtes: Du musst.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich."
GOTTFRIED BENN: Nur zwei Dinge (1953)