Dienstag, Oktober 20, 2026


"Gestatte eine Frage, Seherin - (Der Wagenlenker.) - Frag. - Du glaubst nicht dran. - Woran. - Dass wir zu siegen aufhörn können. - Ich weiss von keinem Sieger, der es konnte. - So ist, wenn Sieg auf Sieg am Ende Untergang bedeutet, der Untergang in unsere Natur gelegt.
Die Frage aller Fragen. Was für ein kluger Mann.
Komm näher, Wagenlenker. Hör zu. Ich glaube, dass wir unsere Natur nicht kennen. Dass ich nicht alles weiss. So mag es, in der Zukunft, Menschen geben, die ihren Sieg in Leben umzuwandeln wissen."
CHRISTA WOLF: Kassandra. Berlin : Suhrkamp, 2008. (suhrkamp taschenbuch ; 4052), 151-152
"Alles, was man erleben muss, habe ich erlebt.
[...] Einmal will ich dieses Licht noch sehen. [...] Das Licht der Stunde, eh die Sonne untergeht. Wenn jeder Gegenstand aus sich heraus zu leuchten anfängt und die Farbe, die ihm eigen ist, hervorbringt. Aeneas sagte: Um sich vor der Nacht noch einmal zu behaupten. Ich sagte: Um den Rest von Licht und Wärme zu verströmen und dann die Dunkelheit und Kälte in sich aufzunehmen. Wir mussten lachen, als wir merkten, dass wir im Gleichnis sprachen. So lebten wir, in der Stunde vor der Dunkelheit."
Ebd., 173 

Freitag, Oktober 16, 2026

"[...] Erinnerung verbraucht sich.
Zuletzt ist es, als wäre nichts geschehen.
Niemand hat ihm was angetan, und nur an sich
geschah es, wuchs es und zerfloss es mit der Zeit."

ROBERT WALSER: Man wird von einer Hand. In: Ders.: Mikrogramme. Berlin : Suhrkamp Verlag, 2011. (Bibliothek Suhrkamp ; 1467), 18

Sonntag, Oktober 04, 2026

"Wie viel muss ich selbst, da ich mich nicht als von meiner 'Glaziologie in Bildern' abgekoppelter aufgeklärter Urheber verstehe, über die Eigenschaften der Kyrosphäre und ihre Reaktionen auf die Erderwärmung wissen, um entgrenzende, nicht begrenzende Fotografien herzustellen? Welche künstlerische Haltung, wenn nicht Demut, sorgt vor, dass ich mich nicht über den Gegenstand erhebe, sondern bei ihm bleibe?"
DANIEL SCHWARTZ: Unterwegs zu den Gletschern der Welt. Berlin : Galiani, 2026, 244
"Weil aber auch mein eigenes Feld, die Fotografie als Industrie und ihre Kunst als Markt, in herrschende Machtverhältnisse gebettet ist, mein Vorsatz, der Natur nicht als Objekt, sondern als Subjekt und verletzlicher Grösse zu begegnen.
Zuweilen sehe ich dabei im eigentlich Schlimmen auch unerwartet Schönes. Vielleicht geht es mir dabei wie den Blättern des Baumes, die nicht wissen, ob sie den Wind bloss wahrnehmen oder ihm antworten."
Ebd., 248
"Thukydides sagt, 'dass im menschlichen Verhältnis Recht bei Gleichheit der Kräfte [gilt], doch das Mögliche der Überlegene durchsetzt, der Schwache hinnimmt'.
Dieser Schwache erleidet, was er muss im Krieg - in dem des Attischen Seebundes gegen das neutrale Milos 416 v. u. Z. und heute am Rand der Nato in der Ukraine; im Sudan, in Myanmar und an jedem von ihm heimgesuchten Ort, wo die Gleichheit der Kräfte ein unbekannter Zustand ist oder bestenfalls eine Erinnerung."
Ebd., 259
"Meine Fotografie hingegen löst den Gletscher aus dem Berg wie das Skalpell einen Fetzen verbrannte Haut vom Körper eines Kriegsversehrten. Die fotografische Aufnahme ist, was sie immer ist - eine Aufzeichnung von Verlust."
Ebd., 261

Freitag, Oktober 02, 2026

"Den Gedanken könnte man mit einer hängenden Wolke vergleichen, die sich durch einen Regen von Wörtern entleert. Hinter den Wolken der Gedanken wiederum stehen auf einer noch tieferen Ebene Gefühle und Wünsche, dem Winde gleich, der die Wolken treibt."
LEW WYGOTSKI. In: Dieter E. Zimmer: So kommt der Mensch zur Sprache. Zürich : Haffmanns, 1986, 60