Montag, März 24, 2025
"Aus der Geschichte könne man lernen, sagt man. Und mir scheint, wir lernen aus der Geschichte nie. Sie wiederholt sich, weil wir nicht lernen wollen. Aber vielleicht lernten wir immer das Falsche: kleine Einzelheiten, kleine Verhaltensmuster. Wir lernten immer nur das 'Nie wieder', und dann kam es doch wieder."
PETER BICHSEL: Kolumnen, Kolumnen. Frankfurt am Main : Suhrkamp Verlag, 2005, 432f.
Sonntag, März 23, 2025
"Krankheit ist die Nachtseite des Lebens, eine eher lästige Staatsbürgerschaft. Jeder, der geboren wird, besitzt zwei Staatsbürgerschaften, eine im Reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken. Und wenn wir alle es auch vorziehen, nur den guten Ruf zu benutzen, früher oder später ist doch jeder von uns gezwungen, wenigstens für eine Weile, sich als Bürger jenes anderen Ortes auszuweisen."
SUSAN SONTAG: Krankheit als Metapher. Frankfurt am Main : Fischer Taschenbuch Verlag, 1981, 5
Freitag, März 14, 2025
"Ich war ein schlechter Reisender geworden, unsicher, gereizt, verletzlich. In nervöser Erwartung, die Mitreisenden könnten sich einer hygienischen Verfehlung schuldig machen, suchte ich nach freigelegten Nasen, nach unter dem Kinn hängenden Masken. Die Essenden strafte ich mit strengen Blicken. [...]
Was allein gegen die aufsteigende Panik hilft, ist sich vor Augen zu führen, dass man so wahnsinnig gerne ja gar nicht lebt. Nur hat man ..."
Was allein gegen die aufsteigende Panik hilft, ist sich vor Augen zu führen, dass man so wahnsinnig gerne ja gar nicht lebt. Nur hat man ..."
JONAS LÜSCHER: Verzauberte Vorbestimmung : Roman. München : Hanser, 2025, 32
Montag, Februar 10, 2025
"Die Geschichte von Hagar und Ismael kam mir heute Morgen beim Beten in den Sinn, und ich fand in ihr grosse Zuversicht. Die Geschichte lehrt, dass es nicht nur der Vater eines Kindes ist, der für es sorgt und der die Mutter beschützt, sondern da steht, dass, selbst wenn die Mutter keine Möglichkeit mehr sieht, für das Kind oder für sich selbst zu sorgen, Sorge getragen werden wird. Insofern ist es eine trostreiche Geschichte. So ist es im Leben - wir schicken unsere Kinder in die Wüste. Manche schon am Tag ihrer Geburt, scheint es, so wenig Hilfe lassen wir ihnen angedeihen. Manche scheinen selbst eine Art Wüste zu sein. Aber gewiss gibt es auch dort Engel und Quellen. Selbst die Wüste, Behausung der Schakale, ist des Herrn. Das darf ich nicht vergessen."
MARILYNNE ROBINSON: Gilead : Roman. Frankfurt am Main : Fischer Taschenbuch, 2024, 154-155
"Es gibt für die Probleme, vor denen ich stehe, keine irdische Lösung. Aber ich kann die Probleme, wie ich es offenbar getan habe, verschlimmern, indem ich dabei verweile."
Ebd., 163-164
"[...] weil aus meiner Sicht jeder Vater, besonders der betagte, letztlich sein Kind in die Wüste schicken und auf die göttliche Vorsehung vertrauen muss. Es erscheint geradezu grausam, dass die eine Generation die andere hervorbringt, wo doch Eltern ihren Kindern so wenig garantieren können, so wenig Schutz, selbst unter günstigsten Voraussetzungen. Das Kind seinem Schicksal zu überlassen verlangt tiefen Glauben, ein Vertrauen darauf, dass Gott die elterliche Liebe belohnen wird, indem er tatsächlich in der Wüste Engel bereitstellt."
Ebd., 167-168
"Letztlich sind wir in jedem menschlichen Belang füreinander ein Geheimnis, und ich glaube wahrhaftig, dass in jedem von uns eine eigene Sprache schlummert, ein eigener Schönheitssinn und ein eigenes Recht. Jeder von uns ist seine eigene kleine, auf den Trümmern unzähliger vorausgehender Zivilisationen errichtete Zivilisation mit eigenen Vorstellungen davon, was schön sei und was annehmbar - denen wir, möchte ich gleich anfügen, selten gerecht werden und nach denen zu leben ein ewiges Ringen ist."
Ebd., 255
"Und der alte Boughton, könnte er sich nur aus seinem Sessel erheben, aus seiner Hinfälligkeit und Griesgrämigkeit und Bekümmerung und Beschränkung, er würde seine ganzen ansehnlichen Kinder, so milde und zuversichtlich sie sind, zurücklassen und dem einen Sohn folgen, den er nie gekannt hat, den er geschont hat, wie man ein schlimmes Bein schont, würde ihn schützen, wie es ein Vater nicht kann, ihn mit einer Macht verteidigen, die er nicht besitzt, ihn mit einer Fülle erhalten, welche die Ressourcen seiner kühnsten Träume überstiege. Könnte Boughton der Alte sein, er würde jede Verfehlung vollkommen verzeihen, ob vergangen, gegenwärtig oder künftig, ob es sich um eine Verfehlung handelte, die zu vergeben ihm zustünde oder nicht. So zügellos würde er sein."
Ebd., 306
Montag, Januar 20, 2025
"Der Vater arbeitet in der Fabrik, und man selber gehört - nachdem, soviel man weiss, alle Vorfahren körperliche Arbeiten verrichtet haben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen - zu den ersten Familienmitgliedern, die ihren Lebensunterhalt - wie das Mitglieder anderer Familien schon lange tun - mit geistiger Arbeit zu verdienen suchen ... Wie im Ablauf der eigenen Lebenszeit würde es für einen kein Zurück mehr geben; [...]"
E.Y. MEYER: In Trubschachen : Roman. Frankfurt am Main : Suhrkamp Verlag, 1973, 96-97
"Die Lüge bedürfe nicht des Zusatzes, dass sie einem anderen schaden müsse, denn sie schade jederzeit einem anderen, wenngleich nicht einem anderen Menschen, doch der Menschheit überhaupt, indem sie die Rechtsquelle unbrauchbar mache."
Ebd., 144
"Gerade das Glücklichsein müsse deshalb wieder von allen Volksschichten angestrebt werden, das sei ja schliesslich das einzige, um das es in unserem kurzen und unbegreiflichen Leben gehen könne, und damit meine man nicht ein Glücklichsein, das durch Konsumieren und nur durch Konsumieren, wie es einem immer wieder einzureden versucht werde, zu erreichen sei, sondern im Gegenteil eher ein Glücklichsein in einer Beschränkung des Konsumierens, in einer Einschränkung, Bescheidung oder Bescheidenheit und in einer neuen Betrachtung der Lebensmöglichkeiten."
Ebd., 164
Montag, November 18, 2024
"Es schneite; wie tote Schmetterlinge fielen die Flocken zur Erde."
ADELHEID DUVANEL: "Luzia mit vierzehn Jahren". In: Dies.: Fern von hier : sämtliche Erzählungen. Zürich : Limmat Verlag, 2021, 29-33
"Der Traum von Schnee und Frost wird mit jedem Jahr nostalgischer, als wären sie endgültig irgendwo in der märchenhaften Kinderwelt geblieben. als wären Eisblumen und Schnee die Kindheit selbst. Der Schnee tritt in die Vergangenheit zurück, zieht höher in die Berge, weiter nach Norden. Sogar ein gewöhnlicher Winterurlaub bekommt die Züge einer Pilgerfahrt Richtung Schnee. So wie man früher in dürren Jahren den Regen herbeigerufen hat, hat man in Moskau nun angefangen, den Schnee zu beschwören, wenn auch nur im Spass und auf Facebook. Seit kurzem gibt es in Russland den hochmütigen Begriff 'Euro-Winter', womit nicht nur der schneelose europäische Winter gebrandmarkt, sondern unterschwellig - wenn auch ironisch - die Demokratie der lauwarmen Europäer verspottet wird. Denn: alles schmilzt."
KATJA PETROWSKAJA: Eisblumen von Davos. In: Dies.: Das Foto schaute mich an : Kolumnen. Berlin : Suhrkamp Verlag, 2022, 182-185
Sonntag, November 10, 2024
"Nebst vielen kritischen Anregungen zur problematischen Stellung des Lehrers in der Gesellschaft ziehe ich, der vormalige Inspektor Peter Stirners, die bittere Lehre daraus, dass ein Mitmensch, wenn unsere humane Aufmerksamkeit auch nur eine Sekunde nachlässt, in dieser Sekunde zu Grunde gehen kann."
HERMANN BURGER: Schilten : Schulbericht zuhanden der Inspektorenkonferenz. Frankfurt am Main : Fischer Taschenbuch Verlag, April 1979, 307