Samstag, November 04, 2017

"[...] In Zürich hielten Sie einen Vortrag über Betrauerbarkeit. Warum ist dieser Begriff so wichtig für Sie?
Für mich wurde Betrauerbarkeit bereits in den 80er-Jahren zu einem wichtigen Thema, als so viele Menschen an Aids starben, vor allem schwule Männer, Frauen in der Sexindustrie und Leute, die Drogen nahmen. Es war damals sehr schwierig, für diese Verluste öffentliche Anerkennung zu erlangen. Sie wurden eigentlich nicht betrauert. Das machte mich wütend. Denn warum sollten diese Leben weniger wert sein als andere? Diese Frage wurde für mich nochmals aktuell nach dem 11. September 2001, als ich in der Nähe von New York lebte und sah, wie einige nach den schrecklichen Angriffen auf die Gebäude in New York und Washington betrauert wurden. Aber andere überhaupt nicht, etwa jene, die keine Papiere hatten, die keine Amerikaner waren und bei den gleichen Angriffen getötet worden waren..
Auch all jene nicht, welche die USA im Irak oder in Afghanistan töteten?
Da wurden alle möglichen Menschen getötet, von denen wir nie die Namen erführen. Das gleiche erleben wir jetzt wieder, wenn man Flüchtlinge im Mittelmeer sterben lässt. Es sind Leben, die weder geschützt noch gerettet werden. Sie sind unbetrauerbar. Die Frage, welche Leben betrauerbar sind, verweist also darauf, wie Ungleichheit ökonomisch und politisch funktioniert in unserer Zeit. Denn offensichtlich werden einige Gruppen als wertvoller erachtet als andere - und das ist für mich eine nicht akzeptierbare Ungleichheit.
Anerkennung ist ein sehr wichtiger Begriff, mit dem Sie sich seit Ihrer Dissertation beschäftigen.
Das stimmt. Ich glaube, es ist sehr wichtig, die Toten zu ehren und dass wir die Todesumstände kennen, dass wir ein Archiv haben und Anerkennung anbieten. Es gibt aber auch lebende Menschen, die so behandelt werden, als seien sie nicht betrauerbar, als spiele es keine Rolle, ob sie leben oder nicht. Das muss geändert werden. Um leben zu können oder gar gut leben zu können, um sich selbst auszudrücken oder Teil der Gesellschaft zu sein, braucht es eine gewisse Anerkennung.
Wie wird Anerkennung möglich?
Die Fähigkeit, anerkannt zu werden oder andere anerkennen zu können, hängt davon ab, ob es eine Sprache gibt, durch welche Anerkennung möglich ist. Das ist denn auch der Grund, warum Sprache so etwas Wichtiges  für soziale Bewegungen oder Bemühungen um Gleichheit und Freiheit ist. Denn wenn es keine Sprache gibt, in der jemand anerkannt werden kann, dann gibt es für diese Person keine Anerkennung. Daher müssen wir eine neue gemeinsame Sprache entwickeln, die Unterschiede akzeptiert.
[...] Sie haben intensiv über Verletzbarkeit nachgedacht. Warum?
Denken Sie an Demonstrationen von Menschen, die keine Arbeit haben, die ihre Wohnung, Renten oder Krankenversicherung verloren haben, weil die Banken die Kredite zurückforderten. Wenn diese Leute auf die Strasse gehen und sagen, das ist der Körper, der ohne Wohnung, Arbeit, Versicherung oder Zukunft ist, dann zeigen sie, wie sie von diesen Vorgängen betroffen sind und verletzt wurden. Es wird aber auch eine Forderung erhoben; die Verletzbarkeit führt zu Solidarität, es entsteht eine Kraft, mit der man sich dem widersetzen kann, wovon man verletzt wurde."
Aus: "Man muss nicht mit den extremen Rechten reden": Mit JUDITH BUTLER sprach Andreas Tobler. In Tages-Anzeiger, 03.11.2017. 30-31

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