Mittwoch, August 02, 2017


"Ein schwerer Vorhang trennte den Wohnraum von der Schlafkammer, in der die zwei Mädchen in ihren quietschenden Eisenbetten unter dunkelroten Wolldecken dem nächsten Morgen entgegenschliefen und jede Nacht einen viertel Millimeter Körperlänge zulegten in der ruhigen Gewissheit, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft zu kleinen Fräuleins erblühen und ihrer Mutter bei der erstbesten Gelegenheit für immer entwischen würden. Sie würden einem Galan folgen, der ihnen seidene Unterwäsche versprach, oder in die Dienste einer Dame treten, die sie als Zimmermädchen nach Neuilly mitnahm. Madame Rossetos aber würde allein zurückbleiben, noch eine Weile einsam in ihrem Kabuff dahinleben und auf die immer seltener werdenden Besuche ihrer Töchter warten, bis sie eines Tages an irgendetwas erkranken, sich ins Krankenhaus schleppen und wenig später nach einem letzten Blick auf die Wasserflecken an der Zimmerdecke widerstandslos und demütig aus dieser Welt verschwinden würde."
ALEX CAPUS: Léon und Louise : Roman. München : dtv Verlagsgesellschaft, 2012, 107

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