Sonntag, Dezember 17, 2017

"[...] Was hab ich falsch, was richtig gemacht?
Ihr wart mir doch nur geliehen.
Ich rede nicht gern um den heißen Brei:
ich wollte euch nie erziehen.

Erziehen zu was? Zum Ehrgeiz, zur Gier?
Zum Chef im richtigen Lager?
Ihr wisst es, ich habe ein grosses Herz
für Träumer und Versager. [...]"

KONSTANTIN WECKER: An meine Kinder

Donnerstag, November 09, 2017

"Die Kunst beschäftigt sich nicht mit der Gegenständlichkeit der Dinge, sondern mit ihrem Erlebnis."
aus: JAKOB TUGGENER: Ist Film auch Kunst

Samstag, November 04, 2017

"[...] In Zürich hielten Sie einen Vortrag über Betrauerbarkeit. Warum ist dieser Begriff so wichtig für Sie?
Für mich wurde Betrauerbarkeit bereits in den 80er-Jahren zu einem wichtigen Thema, als so viele Menschen an Aids starben, vor allem schwule Männer, Frauen in der Sexindustrie und Leute, die Drogen nahmen. Es war damals sehr schwierig, für diese Verluste öffentliche Anerkennung zu erlangen. Sie wurden eigentlich nicht betrauert. Das machte mich wütend. Denn warum sollten diese Leben weniger wert sein als andere? Diese Frage wurde für mich nochmals aktuell nach dem 11. September 2001, als ich in der Nähe von New York lebte und sah, wie einige nach den schrecklichen Angriffen auf die Gebäude in New York und Washington betrauert wurden. Aber andere überhaupt nicht, etwa jene, die keine Papiere hatten, die keine Amerikaner waren und bei den gleichen Angriffen getötet worden waren..
Auch all jene nicht, welche die USA im Irak oder in Afghanistan töteten?
Da wurden alle möglichen Menschen getötet, von denen wir nie die Namen erführen. Das gleiche erleben wir jetzt wieder, wenn man Flüchtlinge im Mittelmeer sterben lässt. Es sind Leben, die weder geschützt noch gerettet werden. Sie sind unbetrauerbar. Die Frage, welche Leben betrauerbar sind, verweist also darauf, wie Ungleichheit ökonomisch und politisch funktioniert in unserer Zeit. Denn offensichtlich werden einige Gruppen als wertvoller erachtet als andere - und das ist für mich eine nicht akzeptierbare Ungleichheit.
Anerkennung ist ein sehr wichtiger Begriff, mit dem Sie sich seit Ihrer Dissertation beschäftigen.
Das stimmt. Ich glaube, es ist sehr wichtig, die Toten zu ehren und dass wir die Todesumstände kennen, dass wir ein Archiv haben und Anerkennung anbieten. Es gibt aber auch lebende Menschen, die so behandelt werden, als seien sie nicht betrauerbar, als spiele es keine Rolle, ob sie leben oder nicht. Das muss geändert werden. Um leben zu können oder gar gut leben zu können, um sich selbst auszudrücken oder Teil der Gesellschaft zu sein, braucht es eine gewisse Anerkennung.
Wie wird Anerkennung möglich?
Die Fähigkeit, anerkannt zu werden oder andere anerkennen zu können, hängt davon ab, ob es eine Sprache gibt, durch welche Anerkennung möglich ist. Das ist denn auch der Grund, warum Sprache so etwas Wichtiges  für soziale Bewegungen oder Bemühungen um Gleichheit und Freiheit ist. Denn wenn es keine Sprache gibt, in der jemand anerkannt werden kann, dann gibt es für diese Person keine Anerkennung. Daher müssen wir eine neue gemeinsame Sprache entwickeln, die Unterschiede akzeptiert.
[...] Sie haben intensiv über Verletzbarkeit nachgedacht. Warum?
Denken Sie an Demonstrationen von Menschen, die keine Arbeit haben, die ihre Wohnung, Renten oder Krankenversicherung verloren haben, weil die Banken die Kredite zurückforderten. Wenn diese Leute auf die Strasse gehen und sagen, das ist der Körper, der ohne Wohnung, Arbeit, Versicherung oder Zukunft ist, dann zeigen sie, wie sie von diesen Vorgängen betroffen sind und verletzt wurden. Es wird aber auch eine Forderung erhoben; die Verletzbarkeit führt zu Solidarität, es entsteht eine Kraft, mit der man sich dem widersetzen kann, wovon man verletzt wurde."
Aus: "Man muss nicht mit den extremen Rechten reden": Mit JUDITH BUTLER sprach Andreas Tobler. In Tages-Anzeiger, 03.11.2017. 30-31

Sonntag, August 06, 2017

"Es ist nicht so, dass ich die vergangenen zwölf Jahre unablässig an dich gedacht hätte, weisst Du? Man kann schliesslich nicht länger als ein paar Monate in diesem Zustand bleiben, irgendwann stösst man an seine Leistungsgrenze. Dann kommt ganz unerwartet jener Augenblick - beispielsweise bei der Mittagspause während des Verdauungsprozesses -, da man tief durchatmet und es dann mal gut sein lässt, und von da an lebt man so vor sich hin und hat so seine Freuden, geht samstags ins Kino und fährt sonntags übers Land und bestellt in diesem oder jenem Landgasthof eine Andouillette."
ALEX CAPUS: Léon und Louise : Roman. München : dtv Verlagsgesellschaft, 2012, 184

Mittwoch, August 02, 2017

"Ein schwerer Vorhang trennte den Wohnraum von der Schlafkammer, in der die zwei Mädchen in ihren quietschenden Eisenbetten unter dunkelroten Wolldecken dem nächsten Morgen entgegenschliefen und jede Nacht einen viertel Millimeter Körperlänge zulegten in der ruhigen Gewissheit, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft zu kleinen Fräuleins erblühen und ihrer Mutter bei der erstbesten Gelegenheit für immer entwischen würden. Sie würden einem Galan folgen, der ihnen seidene Unterwäsche versprach, oder in die Dienste einer Dame treten, die sie als Zimmermädchen nach Neuilly mitnahm. Madame Rossetos aber würde allein zurückbleiben, noch eine Weile einsam in ihrem Kabuff dahinleben und auf die immer seltener werdenden Besuche ihrer Töchter warten, bis sie eines Tages an irgendetwas erkranken, sich ins Krankenhaus schleppen und wenig später nach einem letzten Blick auf die Wasserflecken an der Zimmerdecke widerstandslos und demütig aus dieser Welt verschwinden würde."
ALEX CAPUS: Léon und Louise : Roman. München : dtv Verlagsgesellschaft, 2012, 107
„Ich überlegte: Wie viele zufriedene und glückliche Menschen gibt es doch im Grunde! Was für eine erdrückende Kraft das ist! Schauen Sie sich dieses Leben an: Unverschämtheit und Müssiggang der Starken, Unwissenheit und viehische Lebensweise der Schwachen, ringsum unmögliche Armut, Enge, Degeneration, Trunksucht, Heuchelei und Lüge … Unterdessen herrscht in allen Häusern, auf allen Strassen Stille, Ruhe; unter den fünfzigtausend Einwohnern der Stadt ist keiner, der aufschreien, sich laut empören würde. Wir sehen die, die auf den Markt gehen, um Lebensmittel zu kaufen, tagsüber essen, nachts schlafen, die ihren Unsinn erzählen, heiraten, alt werden, unbekümmert ihre Toten auf den Friedhof schleppen: die aber, die leiden, sehen und hören wir nicht, und was im Leben schrecklich ist, geschieht irgendwo hinter den Kulissen. Alles ist still, ruhig, und allein die stumme Statistik protestiert: Soundso viele haben den Verstand verloren, soundso viele Eimer Wodka wurden getrunken, soundso viele Kinder sind an Unterernährung gestorben … Und diese Ordnung ist offenbar notwendig; offenbar fühlt sich der Glückliche nur deshalb wohl, weil die Unglücklichen ihre Last schweigend tragen, und ohne dieses Schweigen wäre das Glück nicht möglich. Das ist eine allgemeine Hypnose. Vor der Tür eines jeden zufriedenen, glücklichen Menschen müsste jemand mit einem Hämmerchen stehen und ihn ständig durch Klopfen daran erinnern, dass es Unglückliche gibt, dass ihm das Leben, so glücklich er auch sein mag, früher oder später seine Krallen zeigen, dass ein Unglück geschehen wird – eine Krankheit, Armut, Verluste – und dass ihn dann niemand sehen und hören wird, so wie er jetzt die andern nicht sieht und nicht hört. Aber den Mensch mit dem Hämmerchen gibt es nicht, der Glückliche lebt vor sich hin, die kleinen alltäglichen Sorgen bewegen ihn nur leicht wie der Wind die Espe – und alles steht zum besten."
ANTON TSCHECHOW: Stachelbeeren. In: Die Dame mit dem Hündchen : Erzählungen 1896-1903. Düsseldorf : Artemis & Winkler, 2004, Seite 246-247

Mittwoch, Juni 21, 2017



"An das Altern schliessen sich die beiden letzten Lebensphasen an, das Alter als das Altsein, und das Greisentum. Der alte Mensch steht den Dingen der Welt wieder ferner, die 'innere Welt' gewinnt eine neue Bedeutung, geistige Dinge werden wertvoller. Vieles, was ihn bisher erfüllt und beschäftigt hat, verliert an Bedeutung. Die Beziehungen zu den anderen Menschen ändern sich, oft fühlt er sich einsam, besonders, wenn sich der Kreis der Gleichaltrigen immer mehr lichtet, wenn der Ehegefährte dahingeht, wenn die Kinder selbständig geworden sind und ihre eigenen Wege gehen. Viele Funktionen nehmen ab, so das Gedächtnis, die Feinheit der Sinneswahrnehmung, manche Gefühle stumpfen sich ab, der Interessenkreis wird kleiner, die Empfänglichkeit für Neues nimmt ab, der Mensch neigt dazu, das Alte, Bestehende zu loben, an ihm festzuhalten."
Gelesen an der Wand der Herrentoilette im WARTSAAL in der Lorraine in Bern, 08.06.2017

Samstag, Mai 13, 2017

"Wenn Menschen Angst haben, wollen sie nicht zur Arbeit gehen. Heutzutage haben viele Menschen dieses Gefühl. Dann beginnt sich die Angst in Hass zu verwandeln, und sie fangen an, es zu hassen, zur Arbeit zu gehen. Und dann kann sich der Hass in Wut verwandeln und die Leute werden wütend auf ihren Chef und auf ihre Arbeit."
DAVID LYNCH: Catching the big fish. Berlin : Alexander Verlag, 2016, 76

"Kämpfe nicht gegen die Dunkelheit. Sorge dich nicht einmal wegen der Dunkelheit. Schalte das Licht an und die Dunkelheit verschwindet. Schalte das Licht des reinen Bewusstseins an: Negaitivität verschwindet.
Jetzt sagst du: 'Das klingt süss.' Es klingt zu süss. Aber es ist wahr."
Ebd., 96

"Wenn du ein altes Haus oder eine verrostete Brücke siehst, siehst du, wie Natur und Mensch zusammenarbeiten. Wenn du ein Haus übermalst, hat dieses Haus keine Magie mehr. Aber wenn es alt werden darf, dann hat der Mensch es gebaut und die Natur hat etwas dazu beigetragen - es hat etwas Organisches.
Aber das zuzulassen käme den Leuten nicht oft in den Sinn, ausgenommen Scene Designern."
Ebd., 113