Sonntag, August 06, 2017

"Es ist nicht so, dass ich die vergangenen zwölf Jahre unablässig an dich gedacht hätte, weisst Du? Man kann schliesslich nicht länger als ein paar Monate in diesem Zustand bleiben, irgendwann stösst man an seine Leistungsgrenze. Dann kommt ganz unerwartet jener Augenblick - beispielsweise bei der Mittagspause während des Verdauungsprozesses -, da man tief durchatmet und es dann mal gut sein lässt, und von da an lebt man so vor sich hin und hat so seine Freuden, geht samstags ins Kino und fährt sonntags übers Land und bestellt in diesem oder jenem Landgasthof eine Andouillette."
ALEX CAPUS: Léon und Louise : Roman. München : dtv Verlagsgesellschaft, 2012, 184

Mittwoch, August 02, 2017


"Ein schwerer Vorhang trennte den Wohnraum von der Schlafkammer, in der die zwei Mädchen in ihren quietschenden Eisenbetten unter dunkelroten Wolldecken dem nächsten Morgen entgegenschliefen und jede Nacht einen viertel Millimeter Körperlänge zulegten in der ruhigen Gewissheit, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft zu kleinen Fräuleins erblühen und ihrer Mutter bei der erstbesten Gelegenheit für immer entwischen würden. Sie würden einem Galan folgen, der ihnen seidene Unterwäsche versprach, oder in die Dienste einer Dame treten, die sie als Zimmermädchen nach Neuilly mitnahm. Madame Rossetos aber würde allein zurückbleiben, noch eine Weile einsam in ihrem Kabuff dahinleben und auf die immer seltener werdenden Besuche ihrer Töchter warten, bis sie eines Tages an irgendetwas erkranken, sich ins Krankenhaus schleppen und wenig später nach einem letzten Blick auf die Wasserflecken an der Zimmerdecke widerstandslos und demütig aus dieser Welt verschwinden würde."
ALEX CAPUS: Léon und Louise : Roman. München : dtv Verlagsgesellschaft, 2012, 107





„Ich überlegte: Wie viele zufriedene und glückliche Menschen gibt es doch im Grunde! Was für eine erdrückende Kraft das ist! Schauen Sie sich dieses Leben an: Unverschämtheit und Müssiggang der Starken, Unwissenheit und viehische Lebensweise der Schwachen, ringsum unmögliche Armut, Enge, De-generation, Trunksucht, Heuchelei und Lüge … Unterdessen herrscht in allen Häusern, auf allen Strassen Stille, Ruhe; unter den fünfzigtausend Einwohnern der Stadt ist keiner, der aufschreien, sich laut empören würde. Wir sehen die, die auf den Markt gehen, um Lebensmittel zu kaufen, tagsüber essen, nachts schlafen, die ihren Unsinn erzählen, heiraten, alt werden, unbekümmert ihre Toten auf den Friedhof schleppen: die aber, die leiden, sehen und hören wir nicht, und was im Leben schrecklich ist, geschieht irgendwo hinter den Kulis-sen. Alles ist still, ru-hig, und allein die stumme Statistik protestiert: Soundso viele haben den Ver-stand verloren, soundso viele Eimer Wodka wurden ge-trunken, sonundso viele Kinder sind an Unterernährung gestorben … Und diese Ordnung ist offenbar not-wendig; offenbar fühlt sich der Glückliche nur deshalb wohl, weil die Unglückli-chen ihre Last schweigend tragen, und ohne dieses Schweigen wäre das Glück nicht möglich. Das ist eine allgemeine Hypnose. Vor der Tür eines jeden zufrie-denen, glücklichen Menschen müsste jemand mit einem Hämmerchen stehen und ihn ständig durch Klopfen daran erinnern, dass es Unglückliche gibt, dass ihm das Leben, so glücklich er auch sein mag, früher oder später seine Krallen zeigen, dass ein Unglück geschehen wird – eine Krankheit, Armut, Verluste – und dass ihn dann niemand sehen und hören wird, so wie er jetzt die andern nicht sieht und nicht hört. Aber den Mensch mit dem Hämmerchen gibt es nicht, der Glückliche lebt vor sich hin, die kleinen alltäglichen Sorgen bewegen ihn nur leicht wie der Wind die Espe – und alles steht zum besten."
ANTON TSCHECHOW: Stachelbeeren. In: Die Dame mit dem Hündchen : Erzählungen 1896-1903. Düsseldorf : Artemis & Winkler, 2004, Seite 246-247

Mittwoch, Juni 21, 2017



"An das Altern schliessen sich die beiden letzten Lebensphasen an, das Alter als das Altsein, und das Greisentum. Der alte Mensch steht den Dingen der Welt wieder ferner, die 'innere Welt' gewinnt eine neue Bedeutung, geistige Dinge werden wertvoller. Vieles, was ihn bisher erfüllt und beschäftigt hat, verliert an Bedeutung. Die Beziehungen zu den anderen Menschen ändern sich, oft fühlt er sich einsam, besonders, wenn sich der Kreis der Gleichaltrigen immer mehr lichtet, wenn der Ehegefährte dahingeht, wenn die Kinder selbständig geworden sind und ihre eigenen Wege gehen. Viele Funktionen nehmen ab, so das Gedächtnis, die Feinheit der Sinneswahrnehmung, manche Gefühle stumpfen sich ab, der Interessenkreis wird kleiner, die Empfänglichkeit für Neues nimmt ab, der Mensch neigt dazu, das Alte, Bestehende zu loben, an ihm festzuhalten."
Gelesen an der Wand der Herrentoilette im WARTSAAL in der Lorraine in Bern, 08.06.2017

Samstag, Mai 13, 2017

"Wenn Menschen Angst haben, wollen sie nicht zur Arbeit gehen. Heutzutage haben viele Menschen dieses Gefühl. Dann beginnt sich die Angst in Hass zu verwandeln, und sie fangen an, es zu hassen, zur Arbeit zu gehen. Und dann kann sich der Hass in Wut verwandeln und die Leute werden wütend auf ihren Chef und auf ihre Arbeit."
DAVID LYNCH: Catching the big fish. Berlin : Alexander Verlag, 2016, 76

"Kämpfe nicht gegen die Dunkelheit. Sorge dich nicht einmal wegen der Dunkelheit. Schalte das Licht an und die Dunkelheit verschwindet. Schalte das Licht des reinen Bewusstseins an: Negaitivität verschwindet.
Jetzt sagst du: 'Das klingt süss.' Es klingt zu süss. Aber es ist wahr."
Ebd., 96

"Wenn du ein altes Haus oder eine verrostete Brücke siehst, siehst du, wie Natur und Mensch zusammenarbeiten. Wenn du ein Haus übermalst, hat dieses Haus keine Magie mehr. Aber wenn es alt werden darf, dann hat der Mensch es gebaut und die Natur hat etwas dazu beigetragen - es hat etwas Organisches.
Aber das zuzulassen käme den Leuten nicht oft in den Sinn, ausgenommen Scene Designern."
Ebd., 113

 

Dienstag, Februar 28, 2017



"Bemerkenswert an der heutigen Weltlage ist die Konvergenz der politischen Entwicklung in verschiedenen westlichen Demokratien. Wir erleben den Zauberlehrling-Moment des Rechtspopulismus. In der Regel setzen sich die Anhänger erfolgreicher rechtspopulistischer Bewegungen aus einer starken Unterschichtsbasis und einer Oligarchen Parteielite zusammen. Die Unterschicht wird mit Identitätspolitik bedient - weniger Ausländer, weniger Sozialschmarotzer, mehr Nationalstolz-, die Elite setzt derweil diskret ihre Interessen durch - mehr Steuersenkungen, mehr Deregulierungen, mehr Standortwettbewerb.
Das Problem an dieser Strategie ist, dass identitätspolitische Affekte zwar ein formidables Mobilisierungspotenzial haben, aber nicht leicht zu zähmen sind. Wenn der Geist aus der Flasche ist, wird er schwer zu kontrollieren - und kann die Masterpläne des Establishments in Schutt und Asche legen."
DANIEL BINSWANGER: Der Zauberlehrling-Moment. In: Das Magazin, 2017, Nr. 8, 4

Donnerstag, Januar 12, 2017


"Le Seigneur nous donne des ailes
Il nous donne un estomac
nous pouvons voler ou vomir
nous offrir à la gloire
marcher sur l'eau
tirer une tasse d'épines
nous retourner comme des gants
et la somme de nous
vaciller
juste un peu de poussière, presque invisible
mais elle sécrète une substance.
Le rêve immortel..."
PATTI SMITH: Glaneurs de rêves. [Paris] : Gallimard, 2016. (Folio ; 6124), 85-87


Bild: Hugo Keller
Patti Smith, Zürich, X-tra, 28.06.2007

"Mon arrière--grand-mère m'avait prise en grippe, comme elle avait pris en grippe ma mère avant moi. Pourtant, je lui ressemblais pas mal, car je ressemblais à ses fils, et je partageais certains de ses traits et son caractère réservé. Elle était issue d'une longue lignée de paysans et de bergers solitaires de Norfolk. Ils étaient dans son sang, qui coulait aussi dans le mien. J'étais consciente, même quand elle me rabrouait, qu'à travers elle je possédais l'âme de la bergère. Â travers elle j'étais attirée par la vie des rêveurs, et je m'imaginais surveillant un troupeau, récoltant la laine dans une sacoche de cuir, et contemplant les nuages. Le destin a voulu que je suive un chemin fort éloigné de celui de mes ancêtres, et pourtant leurs façons étaient aussi les miennes. Et dans mes voyages, lorsque je vois une colline constellée de moutons ou une équipe d'ouvriers agricoles qui se reposent à l'ombre des noisetiers, je suis prise d'un désir nostalgique de redevenir celle que je n'ai pas été."
Ebd., 85-86

Donnerstag, September 01, 2016

"Certains jours, on se passerait d'avoir un corps; avant l'aube, la colique et la fièvre me laissent quatre heures de sommeil et de répit bienvenus que j'emploie à le séparer de moi. Au réveil, je le retrouve à une bonne longueur de bras. Je le bouchonne, je l'étrille  à la brosse et à l'eau froide, je le frotte à l'alcool de camphre, le retourne sans façon en m'amusant de le retrouver chaque matin plus émacié et pitieux. Je l'enveloppe de laine et de cuir, l'abreuve de thé très sucré - le seul aliment qu'il supporte - puis je l'envoie sur la route où il se nourrit de vent atlantique et où je le rejoins un peu plus tard sans qu'on ait échangé un mot. Si mauvaise qu'ait été la nuit, quelques bouffées d'air ont suffi à le remettre d'aplomb. Il est là, revigoré, fin prêt pour les entreprises de la journée."
NICOLAS BOUVIER: Journal d'Aran et d'autres lieux. Paris : Editions Payot & rivages, 2001. (Petite bibliothèque Payot ; 155), 46-47