Mittwoch, Juni 21, 2017



"An das Altern schliessen sich die beiden letzten Lebensphasen an, das Alter als das Altsein, und das Greisentum. Der alte Mensch steht den Dingen der Welt wieder ferner, die 'innere Welt' gewinnt eine neue Bedeutung, geistige Dinge werden wertvoller. Vieles, was ihn bisher erfüllt und beschäftigt hat, verliert an Bedeutung. Die Beziehungen zu den anderen Menschen ändern sich, oft fühlt er sich einsam, besonders, wenn sich der Kreis der Gleichaltrigen immer mehr lichtet, wenn der Ehegefährte dahingeht, wenn die Kinder selbständig geworden sind und ihre eigenen Wege gehen. Viele Funktionen nehmen ab, so das Gedächtnis, die Feinheit der Sinneswahrnehmung, manche Gefühle stumpfen sich ab, der Interessenkreis wird kleiner, die Empfänglichkeit für Neues nimmt ab, der Mensch neigt dazu, das Alte, Bestehende zu loben, an ihm festzuhalten."
Gelesen an der Wand der Herrentoilette im WARTSAAL in der Lorraine in Bern, 08.06.2017

Samstag, Mai 13, 2017

"Wenn Menschen Angst haben, wollen sie nicht zur Arbeit gehen. Heutzutage haben viele Menschen dieses Gefühl. Dann beginnt sich die Angst in Hass zu verwandeln, und sie fangen an, es zu hassen, zur Arbeit zu gehen. Und dann kann sich der Hass in Wut verwandeln und die Leute werden wütend auf ihren Chef und auf ihre Arbeit."
DAVID LYNCH: Catching the big fish. Berlin : Alexander Verlag, 2016, 76

"Kämpfe nicht gegen die Dunkelheit. Sorge dich nicht einmal wegen der Dunkelheit. Schalte das Licht an und die Dunkelheit verschwindet. Schalte das Licht des reinen Bewusstseins an: Negaitivität verschwindet.
Jetzt sagst du: 'Das klingt süss.' Es klingt zu süss. Aber es ist wahr."
Ebd., 96

"Wenn du ein altes Haus oder eine verrostete Brücke siehst, siehst du, wie Natur und Mensch zusammenarbeiten. Wenn du ein Haus übermalst, hat dieses Haus keine Magie mehr. Aber wenn es alt werden darf, dann hat der Mensch es gebaut und die Natur hat etwas dazu beigetragen - es hat etwas Organisches.
Aber das zuzulassen käme den Leuten nicht oft in den Sinn, ausgenommen Scene Designern."
Ebd., 113

 

Dienstag, Februar 28, 2017



"Bemerkenswert an der heutigen Weltlage ist die Konvergenz der politischen Entwicklung in verschiedenen westlichen Demokratien. Wir erleben den Zauberlehrling-Moment des Rechtspopulismus. In der Regel setzen sich die Anhänger erfolgreicher rechtspopulistischer Bewegungen aus einer starken Unterschichtsbasis und einer Oligarchen Parteielite zusammen. Die Unterschicht wird mit Identitätspolitik bedient - weniger Ausländer, weniger Sozialschmarotzer, mehr Nationalstolz-, die Elite setzt derweil diskret ihre Interessen durch - mehr Steuersenkungen, mehr Deregulierungen, mehr Standortwettbewerb.
Das Problem an dieser Strategie ist, dass identitätspolitische Affekte zwar ein formidables Mobilisierungspotenzial haben, aber nicht leicht zu zähmen sind. Wenn der Geist aus der Flasche ist, wird er schwer zu kontrollieren - und kann die Masterpläne des Establishments in Schutt und Asche legen."
DANIEL BINSWANGER: Der Zauberlehrling-Moment. In: Das Magazin, 2017, Nr. 8, 4

Donnerstag, Januar 12, 2017


"Le Seigneur nous donne des ailes
Il nous donne un estomac
nous pouvons voler ou vomir
nous offrir à la gloire
marcher sur l'eau
tirer une tasse d'épines
nous retourner comme des gants
et la somme de nous
vaciller
juste un peu de poussière, presque invisible
mais elle sécrète une substance.
Le rêve immortel..."
PATTI SMITH: Glaneurs de rêves. [Paris] : Gallimard, 2016. (Folio ; 6124), 85-87


Bild: Hugo Keller
Patti Smith, Zürich, X-tra, 28.06.2007

"Mon arrière--grand-mère m'avait prise en grippe, comme elle avait pris en grippe ma mère avant moi. Pourtant, je lui ressemblais pas mal, car je ressemblais à ses fils, et je partageais certains de ses traits et son caractère réservé. Elle était issue d'une longue lignée de paysans et de bergers solitaires de Norfolk. Ils étaient dans son sang, qui coulait aussi dans le mien. J'étais consciente, même quand elle me rabrouait, qu'à travers elle je possédais l'âme de la bergère. Â travers elle j'étais attirée par la vie des rêveurs, et je m'imaginais surveillant un troupeau, récoltant la laine dans une sacoche de cuir, et contemplant les nuages. Le destin a voulu que je suive un chemin fort éloigné de celui de mes ancêtres, et pourtant leurs façons étaient aussi les miennes. Et dans mes voyages, lorsque je vois une colline constellée de moutons ou une équipe d'ouvriers agricoles qui se reposent à l'ombre des noisetiers, je suis prise d'un désir nostalgique de redevenir celle que je n'ai pas été."
Ebd., 85-86

Donnerstag, September 01, 2016

"Certains jours, on se passerait d'avoir un corps; avant l'aube, la colique et la fièvre me laissent quatre heures de sommeil et de répit bienvenus que j'emploie à le séparer de moi. Au réveil, je le retrouve à une bonne longueur de bras. Je le bouchonne, je l'étrille  à la brosse et à l'eau froide, je le frotte à l'alcool de camphre, le retourne sans façon en m'amusant de le retrouver chaque matin plus émacié et pitieux. Je l'enveloppe de laine et de cuir, l'abreuve de thé très sucré - le seul aliment qu'il supporte - puis je l'envoie sur la route où il se nourrit de vent atlantique et où je le rejoins un peu plus tard sans qu'on ait échangé un mot. Si mauvaise qu'ait été la nuit, quelques bouffées d'air ont suffi à le remettre d'aplomb. Il est là, revigoré, fin prêt pour les entreprises de la journée."
NICOLAS BOUVIER: Journal d'Aran et d'autres lieux. Paris : Editions Payot & rivages, 2001. (Petite bibliothèque Payot ; 155), 46-47

Dienstag, Juli 19, 2016

"ELTERN
Deine Eltern verwandeln sich, besonders, wenn sie schon tot sind, in innere Eltern. Das heisst: in mitunter quälende Stimmen, die dir einflüstern, wie du zu sein, zu denken und zu handeln hast. Du wirst sie also niemals los. Aber die Stimmen werden leiser. Manchmal kannst du sogar über sie lachen. Oder ihnen eine freche Antwort geben. Und im besten Fall werwandeln sie sich in Geschichten, die du nicht umsonst erlebt hast, die zu deinen Ressourcen gehören, und du kannst die Blüten ausreissen und das Unkraut stehen lassen. Die Eltern werden also zu, neudeutsch, Contentprovidern, und dies ist besonders nützlich, wenn man Geschichten, wie in meinem Fall, zu seinem Beruf gemacht hat. Ich bin ihnen also höchst dankbar, auch für das Leben an sich und sonst noch für so einiges. Nur sagen konnte ich das ihnen nicht mehr. Das könnte ich erst jetzt."
 KATJA FRÜH: Mein Leben in 12 Lektionen. In: Das Magazin, 2016, Nr. 26, 12

Samstag, Juni 18, 2016

"Wenn ich mich unter Menschen umsehe, die ich im Laufe meines Lebens kennengelernt habe: Lehrer, Freunde, Mädchen, Zufallsbekanntschaften, treue alte Gefährten, Verwandte, dann wird mir klar, dass ich keinen einzigen, nicht einmal meine ehemalige Frau und auch nicht meine Geliebte, wirklich gekannt habe. [...]
Man legt sich das Unbekannte mit Hilfe des Bekannten zurecht. [...]
Aber das, was wir uns zurechtlegen, worauf wir zurückgreifen, [...] besteht ja aus ebensoviel Unbekanntem. Wir erklären Rätsel mit Rätseln. [...]
Jeder Mensch birgt zutiefst ein nachtschwarzes Rätsel in sich. Das Dunkel der Pupille ist nichts anderes als die sternenlose Nacht, die Dunkelheit tief im Auge ist nichts anderes als die Dunkelheit des Universums."
LARS GUSTAFFSON: Der Tod eines Bienenzüchters. Frankfurt am Main : Fischer Taschenbuch Verlag, 1980, 119-120