Samstag, April 06, 2019

"Je weniger Handlung und einen je kleineren regionalen Umkreis ein Dichter braucht, umso bedeutender ist oft sein Talent. Gegen Schriftsteller, die in Handlungen exzellieren und gleich die ganze Welt für ihre Figuren brauchen, bin ich von vornherein misstrauisch. Die alltäglichen Dinge sind schön und reich genug, um aus ihnen dichterische Funken schlagen zu können."
ROBERT WALSER, zitiert nach CARL SEELIG: Wanderungen mit Robert Walser. Zehntes Tausend.[Frankfurt am Main] : Suhrkamp Verlag, 1987. (Bibliothek Suhrkamp ; Band 554), 15
"Zum Beispiel habe ich erst etwa mit 40 Jahren verstanden, dass es grundsätzlich völlig falsch ist, eine Sache aus finanziellen Gründen zu tun. Die wichtigen Dinge funktionieren umgekehrt: Man tut etwas, was man gerne tut, und dann kommt irgendwann das Geld oder der Erfolg oder was man sonst für wichtig hält. Aber es gibt nun einmal keine Generalprobe im Leben. Sobald man die Dinge begriffen hat, ist es zu spät, das Leben ist vorbei."
Aus: Ein Gespräch mit dem Schriftsteller FERDINAND VON SCHIRACH. In: Zeit Magazin, 2019, Nummer 10 (28. Februar 2019), 27

Mittwoch, Januar 16, 2019

"Einmal waren es 10, ein andermal 20, manchmal auch 30 Leute, die sich im Museum [Remai Modern in Saskatoon, Saskatchewan] versammelten. Insgesamt kamen 417 Menschen in diese Workshops. […] Einmal stellte ich die Frage, was Besucher von einem Museum denn erwarten. Einer sagte: 'I want to be welcomed.' Das ist mir geblieben. Er wollte also nicht die beste Kunstausstellung sehen oder berühmte Kunstwerke, sondern willkommen geheissen werden. Für mich ist das ein sehr wichtiger Input für jedes Museum. Ein anderer sagte: 'I want the Museum shows me why it does exist.'"
THOMAS HIRSCHHORN (aufgezeichnet von Christoph Heim): "Hier sein. Kaffee trinken Ein Buch lesen. Etwas produzieren." In: Der Bund, Dienstag, 15. Januar 2019, 27

Sonntag, Januar 13, 2019

 "Dans vos viviers, dans vos étangs,
carpes, que vous vivez longtemps!
Est-ce que la mort vous oublie,
poissons de la melancolie?"
GUILLAUME APOLLINAIRE
Aus: Le bestiaire ou Cortège d'Orphée, 1911


"Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne will ich nicht mehr sehen, aber
wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin."
THOMAS BRASCH: Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin
https://www.youtube.com/watch?v=hR3SLSyPNn4

Donnerstag, Januar 10, 2019

"Ahnen Sie, was Ihr Treibstoff als Schriftsteller ist? Ich habe mal Martin Walser interviewt. Er drehte den Spiess um und befragte mich, warum ich schreibe. Vierzehn Tage später wusste ich, was mein Hauptmotiv zu sein scheint: die Trennung meiner Eltern auf dem Höhepunkt des Krieges. Ich habe das nie verstanden. Diese beiden leichtsinnigen Menschen! Ich billige ihre Gründe nicht. Sie passten zueinander. Für ein Kind ist eine Scheidung wie ein Bombenangriff. Ich bin zeitlebens im Gange, sie wieder zusammenzubringen. Die sind schon lange tot, aber ich bin als Diplomat und Erzähler unterwegs und füge die Welt wieder zusammen, wie sie vor ihrer Trennung war. 
Welche Gründe hatte die Trennung? Die Aussicht, in der nächsten Woche tot zu sein, befördert Entschlüsse. Mitten im Krieg hatten meine Eltern plötzlich die Idee, das Glück liegt woanders. Als Kind kann man sehr gut beobachten. Ich habe nie wieder so viel Glückssucher und Alchemisten ihres Lebens erlebt wie in der Kriegszeit. 
Wo suchten Ihre Eltern das Glück? Meine Mutter war wie ein Abenteurer und nahm an, dass es in der Reichshauptstadt mit einem wunderbaren neuen Mann ein noch besseres Leben gebe als in der Provinzstadt Halberstadt. Mein Vater reagierte darauf wie Bajazzo in der Oper von Leoncavallo: Er kesselte sich in den Künsten ein. 
Ist Ihre Mutter in Berlin glücklich geworden? Sie behauptete es, aber ich gestehe es ihr nicht zu. Ich bin ja ideologisch. Ich bin ja Patriot der Familie. Ich werde es bestreiten, dass sie glücklich wurde."
ALEXANDER KLUGE [im] Gespräch [mit] Sven Michaelsen: "Ich füge die Welt wieder zusammen, wie sie vor der Trennung meiner Eltern war". In: Das Magazin, 2018, N° 45, 29

Montag, Januar 07, 2019

"Die  Tatsache, dass wir alle eigentlich wissen, auch wenn wir es nicht zugeben, dass wir hier auf dieser Erde nicht zuhause sind, nicht ganz zuhause sind, dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen, ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der sich nicht, jedenfalls zeitweise, stundenweise, tageweise oder auch nur augenblicksweise klar darüber wird, dass er nicht ganz auf diese Erde gehört."
HEINRICH BÖLL im Gespräch mit Karl-Josef Kuschel, zitiert aus: ANGELIKA SCHETT: Des Menschen Traurigkeit. Bern : Hogrefe, 2017, 224

Dienstag, Dezember 25, 2018

"Im Uranfang war Er, das Wort. Und Er, das Wort, war bei Gott. Und Gott war Er, das Wort. Der war im Uranfang bei Gott. Alles ist durch Ihn geworden, und ohne Ihn geworden ist nicht eines. Was geworden, war Leben in Ihm. Und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis."
JOH 1, 1-5
"Mutters Erkrankung, ihre Trauer darüber, die sie immer wieder zu bekämpfen suchte, ihr langsames Erlahmen, war wie ein undurchdringlicher Schleier, der sich auf das Leben legte. Er zerteilte die Welt in zwei Teile. In die Wirklichkeit, in der ich tatsächlich lebte und immer noch einigermassen zufriedenstellend funktionierte, obschon ich diese Wirklichkeit immer mehr als unwirklich wahrnahm. Und die eigentlicheWirklichkeit, die sich in der Erkrankung der Mutter abspielte, an deren Ende der unausweichliche Tod stand, über den kein Wort verloren wurde. Die eigentliche Wirklichkeit war also die Sprachlosigkeit, die unformulierbar war. Die Wörter verloren ihren Wert, ihren Sinn. Ich wurde zu einem Menschen ohne Wörter, ich wurde stumm."
HANSJÖRG SCHNEIDER: Kind der Aare. Zürich : Diogenes, 2018, 133

Sonntag, Dezember 16, 2018

"Die Begriffe rechts und links werden seit mehr als zweihundert Jahren benutzt, und ich glaube, man wird sie auch in zweihundert Jahren immer noch verwenden. Allerdings glaube ich nicht, dass das heute die wichtigste Spaltung ist. Für mich besteht die wichtigste Spaltung zwischen den profaktischen und den antifaktischen Kräften. Es gibt zwar auch bei der extremen Linken Vertreter des Antifaktischen, aber im Wesentlichen gehören die Antifaktischen zu jenen, die zum Klimawandel beitragen oder über grosse Teile des Weltreichtums verfügen - und die deshalb nicht wollen, dass wir über die Fakten nachdenken. Donald Trump ist ein Fachmann des Antifaktischen. Mit dem Begriff Fake News greift er ausgerechnet jene an, die Fakten sammeln. In Deutschland wird dazu das Wort "Lügenpresse" benutzt, dabei geht es um genau das Gleiche."
TIMOTHY SNYDER im Gespräch mit Sieglinde Geisel: Das Kalkül des Kremls. In: Das Magazin, 2018, N° 47 (24. November 2018), 32